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Banteay Srei

 

The German Angkor Illustration Project

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Banteay Srei

Danach gefragt, welches der schönste Tempel ist, den sie in Kambodscha sahen, werden die meisten Besucher antworten: Angkor Wat war großartig, aber wir lieben am meisten Banteay Srei. Und Kambodschaner werden Ihnen sagen: Solange Sie Banteay Srei nicht gesehen haben, haben Sie Kambodscha nicht gesehen. In der Tat, Banteay Srei wäre sogar ein Top-Kandidat für einen Wettbewerb: Welches ist der hübscheste Tempel der Welt?

Das Besondere an Banteay Srei ist seine Fülle an Reliefschmuck und die perfekte Harmonie von Architektur und Skulptur. Tatsächlich sind an Banteay Srei Bau und Ornamentschmuck fast ununterscheidbar wie im Falle der besten Beispiele der bildenden Künste in Indien. Aber im Gegensatz zu indischen Meisterwerken ist Banteay Srei nicht über-ornamentiert. Sein Design ist diskreter, wirkt angenehm statt überwältigend. Die Dimensionen sind moderat. Die meisten Besucher sind überrascht, wie klein Banteay Srei ist. Zum Beispiel ist das Portal des Zentralschreins nur 108 cm hoch, Apsaras und Wächterfiguren sind nur 70 cm groß. Aber niemand wird angesichts dieser Miniaturgröße von Banteay Srei enttäuscht sein. Dieser Märchenland-Tempel erfüllt jeden mit Enthusiasmus.

Banteay Srei, manchmal Banteay Srey oder Bantay Srei geschrieben, bedeutet "Zitadelle der Frauen". Dieser moderne Name mag sich auf die grazile Schönheit beziehen. Der originale Name war Tribhuvanamaheshwara, dieser Terminus mag schwer zu memorieren scheinen, aber er ist einfach: In Sanskrit bedeutet "Tri" "drei", "bhuvana" ist "Welt", "maha" bedeutet "groß", "ishvara" ist der "Herr". Maheshwara ist einer der Namen für Erscheinungsformen Schiwas. Tribhuvana-Maheshwara war auch der Name der zentralen Kultfigur, nämlich des Schiwa-Lingams. Eine kleine Siedlung namens Ishvarapura, "Stadt des Herrn", umgab den Tempel.

Obwohl ein Lingam üblicherweise mit der Macht eines Khmer-Königs identifiziert wird und einen Reichstempel kennzeichnet, ist der aufwendige Tempel von Banteay Srei bemerkenswerterweise nicht etwa von einem König gegründet worden. Sondern ein Minister von Rajendravarman II. und Lehrer von Jayavarman V. namens Yajnavaraha errichtete dieses herrliche Kunstwerk. Damit war Banteay Srei kein königlicher, sondern ein sogenannter privater Tempel. Zu seiner Zeit, in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, gab es viele weitere Tempel, die Gründungen von Aristokraten oder Hof-Würdenträgern waren. Prasat Kravan ist ein älteres Beispiel dafür. Aber keiner dieser Privattempel zeigt die Ambitioniertheit und Pracht Banteay Sreis. Der Tempel wurde am 22. April 967 geweiht.  

Wie gewöhnlich ist Banteay Srei nach Osten ausgerichtet und in drei fast konzentrischen Einfriedungen angeordnet. Ein äußeres Gopuram markiert die östliche Grenze der Stadt, aber steinerne Umfassungsmauern fehlen hier.

Ein 67 m langer Prachtweg führt zur äußeren Tempel-Einfriedung, die 110 m mal 95 m misst. Innerhalb dieser dritten Einfriedung gibt es einen breiten Wassergraben. Die Hauptgruppe, bestehend aus der ersten und zweiten Einfriedung, erscheint beinahe wie ein Tempel auf einer Insel. Dessen äußere zweite Einfriedung liegt erstaunlich eng an der innersten.

Die drei Türme des Heiligtums sind in einer Nord-Süd-Linie aufgereiht, der südliche und der zentrale Prasat waren Schiwa geweiht, der nördliche Turm Vishnu. Vor dem zentralen Turm liegt eine Mandapa-Halle, der schmale Verbindungskorridor wird Antarala genannt. Die zwei Eckgebäude in der inneren Einfriedung sind Bibliotheken. Diese Gebäude und die Gopurams der ersten Einfriedung sind die Juwele der plastischen Kunst der Khmer, die oben erwähnt wurden, verziert mit den feinsten und detailliertesten Reliefs, die Sie in Kambodscha oder sonstwo finden können.  

Der berühmten Giebel- und Türsturz-Reliefs sind hier viele. Zum Beispiel zeigt der ostwärtige Giebel der südlichen Bibliothek den vielköpfigen Dämonenkönig von Lanka, Ravana, wie er den Berg Kailash erschütterrt, auf dem Schiwa und seine Gemahlin Uma sitzen. An der Westfassade desselben Bibliotheksgebäudes sieht man Kama, den Gott der Liebe, einen Pfeil auf Schiwa abschießen. Andere Paneele zeigen vishnuitische Szenen. Zum Beispiel stellt der Westgiebel der nördlichen Bibliothek dar, wie Krischna seinen Onkel Kamsa tötet.

Es gibt auch eine Abbildung des tanzenden Schiwas namens Nataraja am Ostgiebel des Ost-Gopurams der ersten Einfriedung, also unmittelbar vor dem Hauptheiligtum. Sein Tanz ist der Rhythmus der Welt. Schiwas Tanz kreiert die Zeitperioden. Die Beschleunigung desselben Schöpfungstanzes wird einst auch die Welt zerstören. Zu Füßen des vielarmigen Schiwa können Sie einen Trommler und einen Asketen sehen.

Der Sandstein, der für diese ausgefeilten Reliefdekorationen benutzt wurde, musste von außergewöhnlicher Qualität sein. Tatsächlich ist der rote Sandstein ein Kennzeichen des Stils von Banteay Srei, nie benutzt in anderen Angkor-Stilen. Seine Härte ist auch der Grund, warum selbst nach einem Jahrtausend die Reliefs von Banteay Srei die besterhaltenen der Reliefkunst Angkors sind, fast unversehrt, da kaum etwas verwittert ist.

Die schönen Wächterfiguren an den Treppen zur Terrasse der Prasats und des Mandapas sind Kopien. Einige Originale wurden beschädigt oder gestohlen oder sie sind nun in Museen.

Banteay Srei wurde von Franzosen 1914 entdeckt. 1923 wurde Andre Malraux, der künftige französische Kultusminister in Charles de Gaulles’ Kabinett, wegen Plünderung des Tempels festgenommen. Die von ihm gestohlenen Stücke wurden zurück gebracht.


Ernst Ando Sundermann


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