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Bayon

 

The German Angkor Illustration Project

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Bayon

Der Bayon, um 1200 in der Mitte Angkor Thoms errichtet, ist das zweitbeliebteste Monument in Angkor, nach dem Angkor Wat. Es ist der Tempel mit jenen zahlreichen geheimnisvollen "Stein-Gesichtern", für die Angkor berühmt ist. Da nicht klar ist, wer oder was durch diese gigantischen Buddhas symbolisiert wird, wurden die lächelnden Gesichter von Angkor Thom ein Emblem für die Mysterien von Angkor. Die ursprüngliche Gesamtzahl der Gesichtertürme ist immer noch eine Streitfrage der Gelehrten. Wie dem auch sei, es müssen um die 50 Türme und 200 kolossale Gesichter am Bayon gewesen sein. Heute sind es noch 37 aufrecht stehende Türme, üblicherweise mit jeweils vier Buddhagesichtern in den vier Himmelsrichtungen. Die meisten von ihnen erheben sich auf der kreuzförmigen Plattform, die den Zentralturm umgeben, der, was selten vorkommt in Angkor, eine kreisrunde Struktur ist. Der Zentralturm erhebt sich 43 m über das Bodenniveau. Außer jenen Gesichtertürmen gibt es eine zweite aufregende Attraktion am Bayon, die großformatigen Reliefs an den Gallerie-Wänden, sie sind sowohl überwältigend als auch entzückend, aufgrund ihrer Fülle an reizvollen Szenen.

Der Bayon war der Reichstempel von König Jayavarman VII. (1181- ca. 1218), der den Buddhismus als neuen Staatskult einführte. (Aber es war Mahayana-Buddhismus. Im Gegensatz zu den Vermutungen vieler Besucher Angkors ist die Reform Jayavarmans VII. nicht etwa der Grund dafür, dass Kambodscha ein Theravada-buddhistisches Land wurde.) Der Bayon repräsentiert in vielerlei Hinsicht die Krönung des massiven Bauprogramms dieses Königs. Jayavarman VII. war der eifrigste Tempelgründer in Kambodschas Geschichte. Aber der Bayon wurde in einer solchen Eile erbaut, dass Stein auf Stein getürmt wurde, ohne an die Präzision heranzureichen, für die das Angkor Wat berühmt ist.

Jayavarman VII. wurde bereits 1125 geboren, während der Regierungszeit des Angkor-Wat-Gründers Suryavarman II. Jayavarman war ein Sohn des späteren Angkor-Königs Dharanindravarman II. Nach  Suryavarmans Tod (um 1150) gab es Parteiungen, die um die Herrschaft im Khmer-Reich kämpften. Die ausländischen Cham waren darin ebenfalls  involviert, und 1171 griffen Cham-Invasoren Angkor an. 1177 oder 1178 nahmen sie die Hauptstadt der Khmer ein und konnten sie besetzen und hier für die nächsten Jahre Cham-Herrscher installieren. 1181 gelang es Jayavarman VII., der in der Zwischenzeit eine Art Warlord war und Truppen gesammelt hatte, sie zurückzuschlagen und selbst die Regierung anzutreten. Bald darauf begann er ein ambitioniertes Bauprogramm. Seine ersten Projekte waren Banteay Kdei, Ta Prohm and Preah Khan. Schließlich gründete er gegen Ende des Jahrhunderts die neue Hauptstadt Angkor Thom. Vier gerade Straßen von den Stadttoren an den Kardinalpunkten der Stadt führen zum Bayon in der Mitte der Stadt. Es wurde der letzte in Angkor errichtete Reichstempel, es ist der einzige buddhistische Reichstempel der Angkor-Zeit.

Der Grundriss des Bayon ist labyrinthisch und verwirrend, er war es von Beginn an. Aber die Unübersichtlichkeit ist auch das Ergebnis zahlreicher Umänderungen in den letzten drei Jahrhunderten des mittelalterlichen Khmerreiches. Die Terrasse im Osten, die Bibliotheksgebäude, die quadratischen Eckbauten der inneren Gallerie und Teile der oberen Terrasse sind spätere Ergänzungen. Zeitweise war der Tempel sogar hinduistisch. Die ursprüngliche zentrale Statue, Buddha meditierend und geschützt vom Schlangenkönig Muchalinda, wurde während des Bildersturms unter Jayavarman VIII. in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zerstört. Sie wurde in jüngerer Vergangenheit restauriert und ist nun im Vihear Prampil Loveng ausgestellt (Buddha-Terrasse hinterm Süd-Khleang in Angkor Thom).

Der Tempel selbst hat keine äußere Ummauerung, sie kann als durch die Stadtmauern von Angkor Thom ersetzt interpretiert werden. Darum könnte Angkor Thom, wie Angkor Wat ein Tempel mit einer in ihm eingeschlossenen Stadt war, als die Stadt des Bayon angesehen werden. Das Arrangement Tempel-plus-Stadt Angkor Thom, das eine Fläche von neun Quadratkilometern bedeckt, ist das zweitgrößte historische Tempelgelände der Welt, nur Preah Khan von Kampong Svay (Preah Vihear Provinz) bedeckt ein größeres Areal.

Innerhalb des Bayon-Tempels selbst gibt es zwei Einfriedungen mit Gallerien (gezählt als zweite und dritte Einfriedung) sowie eine obere Terrasse (erste Einfriedung). Die äußere Gallerie des Bayon-Tempels (dritte Einfriedung) misst 156 m zu 141 m. Ursprünglich war sie akzentuiert durch eineen Bogengang und ein vorspringendes Halbgewölbe. Nur die inneren Mauern und die Pfeiler sind erhalten.

Diese Mauer der äußeren Gallerie trägt eine Reihe von Bas-Reliefs, die historische Ereignisse darstellen, marschierende und kämpfende Truppen, sowie Szenen aus dem Alltagsleben. Diese Basreliefs sind nicht mit epigraphischen Erklärungen versehen, das ist der Grund, warum eine gewisse Unsicherheit darüber besteht, welche historischen Ereignisse gemeint sind. Die typischsten Reliefs sind die an den südlichen und östlichen Gallerien, die an den Wänden der Nord- und Westseite sind unvollendet geblieben. Manche Reliefs sind detailliert genug, um Fischarten oder sogar heute noch in Südostasien gebräuchliche Musikinstrumente zu identifizieren.
 
The berühmteste Szene ist die in der östlichen Sektion der Südgallerie. Sie stellt eine Boots-Schlacht dar, sehr wahrscheinlich die Invasion der Cham 1177/78, als sie überraschend auf Booten auf dem "Großen See" Tonle Sap auftauchten und, flussaufwärts rudernd, Angkor überfielen. Die Cham-Krieger können einfach identifiziert werden, weil sie auf Reliefs der Bayon-Zeit üblicherweise Hüte in Lotosform tragen. Tote Khmer-Kämpfer sind im Wasser abgebildet. Aber in manchen Szenen dominieren die Khmer die Schlacht. Und schlussendlich zelebrieren der Khmer-König und seine Untertanen eine Siegesfeier.

Im unteren Register dieser großformatigen Bootsschlacht mit vielen Booten enormer Größe befinden sich die hervorragendsten Reliefs, die ein Kaleidoskop der täglichen Verrichtungen abbilden, einige davon wie aus dem heutigen ländlichen Kambodscha. Sie sind von bescheidenerer Größe. Man entdeckt dort Markstszenen wie das Wiegen von Waren, Kauf und Verkauf, Kochen unter freiem Himmel, Alkohol trinkende Männer, einen Hahnenkampf und Zuschauer, die Wetten abschließen. Darüber hinaus gibt es einige Palastszenen mit Prinzessinnen und Dienern, eine gebärende Frau, Leute in Gesprächen, bei Brettspielen, Ringer, Jäger, einen Eberkampf. Der westliche Teil der Südgallerie, von geringerer bildhauerischer Qualität, zeigt eine Militärparade mit Soldaten der Khmer und Cham.  

Im südöstlichen Eckturm gibt es eine Darstellung eines unvollendeten Tempels mit Türmen, Apsaras und einem Lingam.

Der südliche Teil der Ost-Gallerie zeigt die marschierende Khmer-Armee, inklusive chinesischer Hilfstruppen, Jayavarman VII. ist zu Pferde porträtiert. Generale reiten auf Elefanten. Sie sind umgeben von Soldaten, Proviantkarren, Musikern und sogar einem Tross von Frauen und Kindern. Eine Prozession des Heiligen Feuers wird von bärtigen Brahmanen begleitet. Einige häusliche Szenen auf der linken Seite, neben der Südtür dieser Wand, zeigen Häuser Angkors, einige Bewohner scheinen chinesische Kaufleute zu sein, Gurus sind dargestellt, wie sie in kleinen Versammlungen von Schülern unterrichten.

Die nördliche Hälfte der östlichen Gallerie zeigt eine Landschlacht, chinesische Soldaten mit ihrer spezifischen Kleidung unterstützen den Kampf der Khmer-Armee gegen die Cham.

Im unvollendeten westlichen Teil der Nordgallerie gibt es eine bemerkenswerte Szene von Unterhaltung am königlichen Hof, mit Gauklern und Akrobaten.

In der westlichen Gallerie zeigen angefangene Reliefs eine Armee durch den Wald marschierend und Steitereien zwischen verschiedenen Gruppen von Khmer. Ein erwähnenswertes Detail ist ein gigantischer Fisch, der ein kleines Reh schluckt.

Die äußere Gallerie friedet einen Hof ein, in dem sich an der Ostseite zwei Bibliotheken befinden. Sie sind spätere Ergänzungen, ursprünglich hatte der Tempelhof 16 Kapellen.

Die innere Gallerie von 80 m mal 70 m, 1,3 m über dem Hofniveau, zeigt einige weitere Alltagsszenen, aber ist von religiösen Themen dominiert, die meisten von ihnen hinduistisch. Einige der abgebildeten Figuren sind Schiwa, Vishnu und Brahma, die Götter der sogenannten Hindu-Trinität. Die Themen einiger Paneele konnten nicht identifiziert werden. Es wird vermutet, dass die hinduistischen Reliefs aus der Zeit von Jayavarman VIII. stammen, als der Bayon in ein Hindu-Heiligtum umgeweiht wurde. Im Westflügel der Südgalerie gibt es einen bärtigen Schiwa und einen vierarmigen Vishnu. Der Ostflügel stellt eine Legende von einem Jungen dar, der vorm Ertrinken gerettet wird. In der Ostgallerie sieht man Schiwa unter Eremiten. Ihr nördlicher Flügel illustriert zwei Khmer-Legenden, die Befreiung eines Mädchens aus Gefangenschaft in einem Felsen und einen König, der nach einem Schlangenbiss an Lepra erkrankte. Im Ostflügel der Nordgallerie können Sie Schiwa mit Uma auf Nandi sehen und Vishnu mit Lakshmi. Der Westflügel hat die Trimurti und den Liebesgott Kama, wie er von Schiwa niedergeschossen wird. Der Nordflügel der Westgallerie zeigt ein bekanntes Motiv, das Kirnen des Milchozeans. Südlich des westlichen Gopurams befindet sich eine Abbildung der Bauarbeiten an einem Tempel.   

Die obere Terrasse (erste Einfriedung) ist der Ort der berühmten Gesichtertürme des Bayon. Die Anzahl der Türme hat sich im Laufe der Zeit geändert, vielleicht hat es 48 oder sogar 54 gegeben. Wie bereits erwähnt sind 37 noch vorhanden. Wen die Gesichter darstellen, ist ebenfalls umstritten. Wahrscheinlich handelt es sich um Avalokiteshvara, den meistverehrten mitleidvollen Bodhisattva im Mahayana-Buddhismus, interpretiert als Lokeshvara Samantamukha, den allgegenwärtigen Herrn der Welt, der in alle Richtungen blickt. Eine alternative Interpretation ist, dass die monumentalen Gesichter eine Kombination aus Buddha und Jayavarman VII. meinen. Aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit zwischen den gigantischen Gesichtern an den Bayon-Türmen mit anderen Statuen des Königs sind manche Gelehrte zu der Auffassung gelangt, dass es sich bei den Gesichter-Reliefs um Darstellungen von Jayavarman VII. selbst handelt. Die beiden Hypothesen widersprechen einander nicht zwangsläufig. Der Angkor-Gelehrte George Coedés stellte die Theorie auf, dass Jayavarman in der Tradition der Khmer-Monarchen stand, die als Gottlönige verehrt wurden, sogenannte Devarajas. Während die meisten seiner Vorgänger sich als mit Schiwa assoziiert verstanden, oder, im Falle Suryavarmans II., mit Vishnu, könnte sich der buddhistische König Jayavarman VII. mit einem Buddha oder Bodhisattva identifiziert haben.

Die beste Zeit für einen Besuch der Bodhisattva-Gesichter ist um den Mittag, wenn das steile Sonnenlicht die Gesichter akzentuiert, ohne zu viele Schatten zu werfen. Die Reliefs an den Einfriedungsmauern sollten gegen 11 Uhr morgens gesehen werden, wenn die Schatten die Umrisslinien dreidimensional hervortreten lassen, insbesondere an der Westwand ist dies besser als frontales Sonnenlicht am frühen Morgen.


Ernst Ando Sundermann


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