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Preah Pithu

 

The German Angkor Illustration Project

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Phnom Bok

Phnom Bok ist die aufregendste unter den untouristischen Stätten im Raum Angkor. Ein Besuch von Phnom Bok erfüllt die Träume jener Reisenden, die verborgene Schätze der Khmer zu entdecken und ungestört zu genießen hoffen. Es gibt mindestens vier Gründe, warum dieser idyllische Tempel ein geheimes Juwel in der Krone von Angkor bleibt. Zunächst einmal ist er entlegen, weitab der Standard-Touren des Kleinen und Großen Rundwegs. Zweitens gibt es zu Füßen von Phnom Bok keinen Parkplatz, der für Busse geeignet wäre. Außerdem beschreiben die meisten Taschen-Reiseführer diesen Tempel nicht. Aber der Hauptgrund ist: eine Besichtigung von Phnom Bok erfordert den Aufstieg auf einen 235 m hohen Hügel. Tatsächlich kennen die meisten Fahrer und Reiseveranstalter Phnom Bok nicht einmal, oder halten einen Besuch von Phnom Bok für zu strapaziös für ihre Kunden. Aber um die volle Magie Angkors zu erfahren gibt es keinen Weg daran vorbei, auf den Gipfel von Phnom Bok zu steigen! Sie werden es nicht bereuen.

Phnom Bok ist einer der ältesten Tempel in Angkor. Er wurde von Yashovarman I. (889-910) errichtet, der der Gründer von Angkor als Khmer-Hauptstadt war. Er erbaute drei Tempel auf den Gipfeln aller drei natürlichen Hügel in den Ebenen von Angkor. Der wichtigste von ihnen ist natürlich der berühmte Reichstempel Bakheng genau in der Mitte seiner neuen Stadt, er war Schiwa geweiht und beherbergte den königlichen Lingam. Die beiden anderen Hügel wurden mit kleineren Tempeln bekrönt, die der Trimurti geweiht waren. Dabei handelt es sich um Phnom Krom im Süden, nahe dem Großen See Tonle Sap, und um Phnom Bok im Osten. Beide Tempel hatten drei Prasat-Türme, einen für Brahma, einen für Schiwa und einen für Vishnu. Eindrucksvolle Statuen dieser drei Gottheiten wurden in den drei Prasats von Phnom Bok gefunden, sie werden nun im Guimet Museum in Paris ausgestellt. Die vier Köpfe von Brahma, aus dem südlichen Heiligtum, sind sie besten Beispiele für den Skulpturen-Stil von Bakheng.

Phnom Bok liegt jenseits des bedeutendsten Monuments Yashovarmans, des Stausees Ost-Baray, der nun ausgetrocknet ist. Der Hügel liegt etwa 24 km nordöstlich von Siem Reap, 8 km östlich des Großen Rundwegs (zu verlassen am Ost-Mebon) und 4 km hinter Banteay Samray. Sie können einen Treppenweg von mehr als 600 Stufen auf den Gipfel benutzen oder einen Zickzack-Dschungelpfad, der am Fuße eben dieses Treppenwegs beginnt. Auf dem Hügel werden Sie großartige Fernblicke in das Reisbauernland östlich von Angkor genießen. Es gibt eine neue Pagode nahe dem alten Tempel. Zwei militärische Geschütze sind hier positioniert. Vermeiden Sie Aufnahmen von ihnen.

Die Hauptattraktion ist natürlich das Tempelgelände auf der obersten Kuppe. Es ist aus dem späten neunten Jahrhundert, und das bedeutet wie gesagt: es ist eines der ältesten in Angkor. Einige Reisebücher behaupten, hier läge alles in Trümmern und es sich nicht mehr viel zu sehen, aber das ist Unsinn.

Sehr ähnlich wie bei Phnom Krom gab es vier Gebäude gegenüber den Heiligtümern, die beiden inneren aus Sandstein, die äußeren aus Ziegeln, anders als auf Phnom Krom sind nur Fundamente von den Ziegelbauten geblieben. Und die Dächer der Sandsteinbauten sind aufgebrochen und malerisch überwuchert von Bäumen, um so schöner, als es sich dabei um Frangipanis mit großen Blüten handelt. Obwohl auch in ihrem Falle die Dächer teils eingestürzt sind, stehen die drei Haupt-Heiligtümer immer noch aufrecht, sie sind nicht etwa nur klein, und sie tragen Verzierungen in einem bemerkenswert guten Zustand.

Die drei Prasats waren den drei Göttern der Trimurti geweiht, wie bereits erwähnt. Die drei Heiligtümer von Phnom Bok waren von gleicher Größe, wohingegen der zentrale Prasat von Phnom Krom höher ist als die beiden flankierenden.

Etwas Hintergrund-Information: Die Vereinigung der drei hier verehrten Gottheiten, Schöpfer Brahma, Erhalter Vishnu und Erneuerer (nicht wirklich "Zerstörer") Schiwa wird gewöhnlich Trimurti genannt. Die Trimurti wird von indischen Hindus weniger angebetet und oft von Westlern völlig missverstanden, wenn sie eine Idee von "Trinität" auf den Hinduismus projizieren oder glauben, die Trimurti symbolisiere einen Beginn, eine Erhaltung und ein Ende der Welt. Eigentlich bedeutet die Trimurti keine Zeitlinie einer einzigen Welt, aber Aspekte, die zu jeder Welt in einem endlosen Kreislauf von Welten gehören. Die Trimurti war nur ein Hindu-Konzept unter anderen, um die zwei recht gegensätzlichen obersten Götter zu vereinigen, den mächtigen Schiwa und den hilfreichen Visnu – eine andere war Harihara, halb Vishnu, halb Schiwa. Brahma, obwohl "Schöpfer" in der Trimurti, was ihm eigentlich nach westlichen Konzepten eine dominante Stellung zuschreiben sollte, wurde niemals so hoch verehrt in Indien, außer in Pushkar. (Unter nicht-indischen Hindus, z.B. auf der Insel Bali, sind die drei Trimurti-Gottheiten dagegen eher auf einem gleichen Niveau der Verehrung.) Die meisten Hindus glauben an nur einen obersten Gott, viele an Vishnu, andere an Schiwa, einige an Kali. Fast kein Hindu verehrt Brahma als höchste personale Gottheit. Aber die meisten Hindus integrieren die höchsten Götter anderer Glaubensrichtungen, in einer untergeordneten Funktion. Selbst die Trimurti impliziert oft nicht Gleichrangigkeit unter den drei Göttern. Zum Beispiel sind in der Elephanta-Höhle (Weltkulturerbe) nahe Mumbai alle drei Aspekte auf Schiwa fokussiert. Ganz ähnlich ist Schiwa klar dominant an Angkors Trimurti-Tempeln (und ebenso in den meisten Trimurti-Darstellungen der Khmer). Die zentralen Türme von Phnom Bok und Phnom Krum sind dem vermeintlichen "Zerstörer" Schiwa gewidmet. Aber Schiwa ist keine destruktive Kraft, seine Zerstörung einer Welt ist die Erschaffung einer neuen. Vielmehr ist er der Herr über die rhythmischen Gesetze der Erneuerung, während "Schöpfer" Brahma nur ein helfender Handwerker ist, innerhalb einer jeden einzelnen Weltperiode. Was Vishnu erhält, ist nicht die Existenz der Welt, sondern die Ordnung der Welt und dadurch das Überleben ihrer Einwohner. Vielleicht sind diese Hinweise hilfreicher als vereinfachende Etiketten wie "Schöpfer, Erhalter, Zerstörer", um die verbreiteten und endlos wiederholten Taschenbuch- und Reiseführer- Missverständnisse über die Trimurti zu vermeiden.

Hinter dem Haupt-Tempelgelände gibt es eine Schutzhütte für ein Hügelchen. Es bedeckte einen Lingam, ein weiterer Hinweis darauf, dass Phnom Bock, obwohl der Trimurti geweiht, in erster Linie ein Ort der Schiwa-Verehrung war. Dieser Lingam ist einer der größten, die je in Kambodscha gefunden wurden. Doch nun ist er nicht mehr eindrucksvoll, er ist in Stücke gebrochen und kaum mehr erkennbar. Kunsträuber versuchten ihn abzutransportieren, um ihn in Thailand zu verkaufen. Aber er war zu schwer und stürzte um. Darum ist er nun zerbrochen. Immerhin blieb er ungestohlen. Dieser Lingam, wie andere der Khmer-Kultur, war quadratisch am Boden, Brahma repräsentierend, oktogonal in der Mitte, für Vishnu, und rund an der Spitze, Schiwa symbolisierend. Dieser Khmer-Typus des Lingams zeigt einmal mehr klar die Dominanz Schiwas in der Khmer-Version der Trimurti an.    

Es gibt asstrologische Spekulationen bezüglich der Bauten von Phnom Bok, da die Tag- und Nachtgleichen sowie Winter- und Sommer-Sonnenwenden von innerhalb der Eingänge des Tempels beobachtet werden könnten.

Während der Morgenstunden haben Sie Sonnenlicht auf den Fassaden der drei Haupttempel. Für den hübschesten Blick von diesen Prasats auf die beiden Bauwerke, auf deren Dächern Bäume wachsen, kommen Sie besser am Nachmittag.


Ernst Ando Sundermann


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